med. B.S. Liebich, Badearzt a.D.

Ein Saal geht in Kur

Ein wirklich erholsames Fleckchen, dieses Bad Salzhausen. Mal abgesehen von den Sonntagnachmittagen, wenn Hunderte von Tortensehnsüchtigen dieses Kleinod überfluten und in langen Schlangen begierig auf das begehrte Stück warten. Hmmm, ob es womöglich vielleicht sonst im Umkreis von 30 Kilometern keine Konditoreiwaren zu kaufen gibt… ?? Und dann, fast plötzlich gegen 18 Uhr, kehrt endlich wieder Stille in unseren Kurort ein. Bis zum nächsten Sonntag. Dachte ich zumindest. Leider wird aber seit geraumer Zeit das werktägliche Silentium erheblich getrübt. Nachdem ich eines Morgens auf dem Weg zum Bahnhof fast unter die Kettenräder eines Schaufelbaggers geraten bin, wusste ich auch, warum es so lärmt: Der Kursaal wird gerade einer Total-OP unterzogen, um anschließend bis Mai in Reha zu gehen. Aber ich hege keinen Groll, denn es ist ja Lärm zum Wohle der Gemeinschaft. Und genau genommen haben mich ja im Grunde eigentlich Bauarbeiten schon seit jeher fasziniert. Nun jedoch, seines Innenlebens beraubt, wirkt der Kursaal irgendwie nackt, ja fast hilflos. Gepackt von einer inneren Welle der Empathie, habe ich beschlossen, die Bauarbeiten ab sofort mit meiner intensiven Anwesenheit zu unterstützen. Zumal ich handwerklich ja nicht untalentiert bin. Zuletzt habe ich einen Komposthaufen architektonisch geplant und im Alleingang zusammenmodelliert.
Mein dadurch erworbenes Know-How, gepaart mit meiner ausdauernden und präzisen Beobachtungsgabe, welche Bauarbeiter wann und wo aufgabenfrei herumstehen, konnte ich mittlerweile konstruktiv beim Bauherrn einbringen. Ebenso habe ich – während der Mittagspause, ehrenamtlich sozusagen – etliche alternative Lösungsvorschläge in die herumliegenden Baupläne eingezeichnet. Gemeinsinn ist doch schließlich ein tragender Gedanke unserer heutigen Zeit, nicht wahr? Verraten kann ich Ihnen, dass der Saal künftig 424 Zuschauer beherbergen kann und einen neuen Eingangs- und Garderobenbereich bekommt. Mein Ideenpool sieht hier vor, zukünftig alle Stühle mit Sitzheizung und Rückenlehnen mit Fango-Gel-Kissen zu versehen. Zur Auffrischung eventueller trüber Gedanken während der dunklen Jahreszeit schlage ich ein heiteres Pink für den Bezug vor. Zudem könnten die Toiletten mit dem ortseigenen Heilwasser betrieben werden, da es sich aufgrund seiner mineralischen Zusammensetzung bestimmt bestens antibakteriell einsetzen lässt. Ich bin ja wirklich gespannt, ob diese Anregungen eines eingereisten Bürgers angenommen werden. Abwarten, Tee trinken und vielleicht ein Stückchen Torte essen, das ist jetzt wohl erst einmal das Beste.

Herzlichst, ihr Bau-Badearzt a.D. B.S. Liebich