med. B.S. Liebich, Badearzt a.D.

Blümerante Blumen

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

ganz langsam erwacht die wunderbare Natur aus ihrer alljährlichen Winterbettruhe. Noch etwas unausgeschlafen und staksig, reckt und streckt sie sich vorsichtig. Irgendwie ist sie immer noch in Lauerstellung, der kalte Wintergeselle könne noch einmal unverhofft zurückkehren. Sie merken, meine lieben Leserinnen und Leser, auch mich inspiriert die leise Frühlingsluft während meiner täglichen Spaziergänge durch den unteren Kurpark zu blumigen Formulierungen. Vor allem, wenn ich dabei beobachten kann, wie die Mitarbeiter der städtischen Gärtnerei palettenweise bunte Stiefmütterchen in die Pflanzbeete drapieren und der wochenlang grau-fahle Kurpark dadurch endlich wieder an Pracht und Farbe gewinnt. Blümerant wird mir dabei vor so viel Blumen aber nicht, denn, was Viele nicht wissen: dieses schöne alte Wort „blümerant“ hat mit sprießenden Blumen so gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: es stammt vom französisch „bleu mourant“ (sterbendes Blau) ab. Wie gut aber, dass dennoch die Farbe Blau nicht aus sich heraus für Tod oder Niedergang steht. Sonst würde es wohl kaum bei Eduard Mörike heißen: „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte.“ Sie sind nun womöglich ein wenig überrascht ob meiner literarischen Ausflüge? Ein Badearzt als Lyrik-Schwärmer mutet ebenso fremd an wie ein Fußballer als Philosoph. Obwohl zum Beispiel Kicker Podolski erstaunliche Fortschritte offenbart, wenn er gleichsam philosophisch behauptet: „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“. Überhaupt bin ich ein großer Freund literarischer Zitate, die ich in meiner Zeit als aktiver Badearzt meinem Patienten gerne mit auf den ganz persönlichen Genesungsweg gegeben habe: zum Beispiel eine kleine Mephistopheles – Passage zur verordneten, schwefelhaltigen Trinkkur oder mal ein abgewandelter Schiller nach einer Fango-Packung – „Das Moor hat seine Schuldigkeit getan“-  warum nicht? Auch einem Lebemann Enthaltsamkeit zu verordnen, vermittelte sich mit einem Morgenstern-Zitat viel einfacher: „Man soll sein krankes Nierenbecken nicht mit zu kalten Bieren necken. Auch sollte man bei Magenleiden den Wein aus sauren Lagen meiden.“ Aktueller denn je scheint mir im Zeitalter fragwürdiger Online-Medizin-Seiten und vorschneller Internetdiagnosen folgender, altbewährter Ratschlag zu sein: „Seien Sie vorsichtig beim Lesen von Gesundheitsbüchern: Ein Druckfehler kann Ihr Tod sein.“ (Mark Twain). Bleiben Sie also auf alle Fälle besser gesund und bewegen Sie sich. Sicher laufen wir uns in den kommenden Frühlingstagen im Kurpark über den Weg. Irgendwo bei den Stiefmütterchen.

Herzlichst, ihr blumiger Badearzt a.D. B.S. Liebich