med. B.S. Liebich, Badearzt a.D.

Unter die Räder

Liebe Kurstädterinnen und Kurstädter,

wie man sich täuschen kann. Als ich im vergangenen Spätherbst als emeritierter Badearzt aus der Kur-Metropole Bad Strutzheim ins idyllische Bad Salzhausen kam, hatte ich zunächst den Eindruck, hier sei die Zeit ein wenig stehengeblieben. Weit gefehlt. In den letzten Monaten habe ich am eigenen Leibe erfahren, wie lebendig Hessens kleinster Kurort sein kann. So lebendig, dass ich hier vor einiger Zeit – wie aus heiterem Himmel- fast unter die Räder gekommen wäre. Aber wer um Himmels willen rechnet schon damit, bei einem frühmorgendlichen Spaziergang im oberen Kurpark, jenseits der Bahnlinie, von einer aufgescheuchten Horde wildgewordener Radfahrer auf futuristischen Rennmaschinen zur Strecke gebracht zu werden? „Das ist der Mountainbike-Hessencup, der hier grade ausgetragen wird“, erklärte man mir in der Kur-und Touristik, während die netten Damen meine fast zwei Quadratzentimeter große Schürfwunde fachmännisch versorgten. Schon einige Wochen zuvor, tobte hier während des Parkfestes das pralle Radlerleben. Überall Räder, überall Straßensperrungen. Grundsätzlich spricht ja nichts dagegen, dass sich unsere Stadt allmählich zu einem Radsportmekka entwickelt. Man sollte sich dabei aber auch der Konsequenzen bewusst sein. Wenn das so weitergeht heißt es hier bald statt „Rund um den Hennigerturm“, „Rund um den Bismarckturn“, nach „Lüttich-Bastogne-Lüttich“, wird „Ulfa-Harb-Ulfa“ zum neuen Frühjahrs-Klassiker, der HR überträgt im Winter ein hessisches Sechstagerennen aus dem leerstehenden Hallenbad und die extra für die neue „Tour de Wetterau“ geteerten Serpentinen hoch zum furchterregenden „Eschberg“, machen Wallernhausen zum L’Alpe d’Huez Mittelhessens.
Eines muss man mir aber als braven Neubürger dann aber bitte versprechen: wenn die Sieger solcher Rennen öffentlich geehrt werden – was sie zweifellos verdient haben- dann möge dies etwas kompakter und vor mehr Publikum geschehen, als zuletzt beim Parkfest. Obwohl ich an diesem Nachmittag noch einen stattlichen Mittagsschlaf auf die Matratze gebracht hatte, fielen mir während der doch etwas langatmigen Siegerehrung immer wieder die Augen zu. Ansonsten war das Parkfest aber eine rauschende Nacht. Da ich nun ja gänzlich ausgeschlafen war, hätte diese großartige Show-Band von mir aus gerne noch eine halbe Stunde länger spielen können. Aber das ist jetzt müßig, ebenso wie die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich darauf verzichtet hätte, diesem forschen Mountainbiker an besagtem Morgen im oberen Kurpark meinen Spazierstock zwischen die Speichen zu schleudern. Immerhin hätte ich mir so die Kosten für den Blumengruß ins Krankenhaus gespart. Aber wie sagen die jungen Leute heute immer so schön: Hätte, hätte Fahrradkette…

Es grüßt Sie – mit einem kühlen Radler in der Hand (gemeint ist natürlich das Getränk) herzlich
ihr B.S. Liebich