med. B.S. Liebich, Badearzt a.D.

Die Kunst und ich

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

heute berichte ich von einem Erlebnis, dass schon einige Monate zurückliegt, mir dennoch aber nicht aus dem Sinn geht. „So ´was Tolles in so einem kleinen Ort, wer hätte das gedacht?“, frohlockte eine attraktive und elegant gekleidete Endfünfzigerin, als ich gerade gedankenverloren durch den oberen Kurpark streifte. Sichtlich begeistert stand die Dame vor einer breiten, im Gras liegenden geschwungenen Metallbahn und freute sich wie ein kleines Kind. Ich wiederum hatte bislang vermutet, dieses Metall sei von den emsigen Kursaal-Bauarbeitern abgelegt und dann schlichtweg vergessen worden. „Sind Sie von hier?“, wollte die aparte Dame wissen. Als relativ neu zugezogener zögerte ich einen Moment, ehe ich nickte. „Sie Glückspilz, ein richtiges künstlerisches Kleinod haben Sie da.“ „Wie meinen Sie das?“, fragte ich leicht irritiert und vermutete eine gute Portion Ironie in ihren Worten, denn die Lagerung von Baumaterialen in einem Kurpark ist ökologisch sicher fragwürdig. „Wissen Sie, Skulpturenparks sind mein Allerliebstes. Wo es geht, schau ich mir so etwas an.“ „Soso“, schnaufte ich unsicher, um Zeit zu gewinnen. Plötzlich erinnerte ich mich daran, in einer der Info-Broschüren des Ortes schon etwas von einem „Skulpturenpark“ gelesen zu haben. Mehr noch von „Werkschauen“ und „Bildhauersymposien“ war dort die Rede. Auf gar keinen Fall wollte ich aber vor der stattlichen Dame zugeben, dass mit der Kunst seit jeher nichts am Hut habe. Wenn ich früher in der Volksschule zeichnen musste, bestachen meine Ergebnisse stets durch eine frappierende Schlichtheit. Wobei, ich habe später im Rathaus von Bad Strutzheim Kritzeleien hängen gesehen, die kein Deut besser waren, als meine schlechtesten Frühwerke und dennoch mit vierstelligen D-Mark Beträgen ausgepreist waren. „Vor allem das da hinten finde ich wirklich beeindruckend“, riss mich die Dame aus meinen Gedanken und lies mich schmunzeln. Aha, dachte ich, die ganz große Kunstkennerin konnte die „Großkopferte“ nun auch nicht sein, denn sie deutete auf das riesige Mikadospiel mit den roten Latten in der Nähe der Liebigstraße. Dieses Gestänge hat mir als Mikado-Liebhaber schon so manch vergnügliche Stunde im Kurpark bereitet. Ich liebe es, die Latten so rauszuziehen, dass sich nichts bewegt. Anschließend baue ich natürlich alles wieder auf. Immer etwas anders, denn sonst würde es ja langweilig werden. Aber jetzt kommt´s: letzte Woche wies mich im Park jemand recht energisch daraufhin, dass dies kein Mikadospiel, sondern ein „echtes Kunstwerk“ sei und ich gefälligst meine Finger davon lassen solle. Seit dem wende ich mich alternativ nun dem Minigolf-Spiel zu. Auch dort ist es eine echte Kunst, das Loch zu treffen.

Es grüßt ihr Naturkunstwerk B.S. Liebich